• Kriss Rudolph

Die Qual der Erinnerung (Abschiedsrede)


Liebe Gäste!

Wenn wir davon sprechen, dass wir Abschied nehmen müssen von einem geliebten Menschen, dann verrät dieser Begriff nur sehr wenig darüber, was wirklich passiert, was in uns vorgeht. Diese Person ist nicht mehr bei uns – einerseits. Aber andererseits, wenn man sie so lange kannte, mit ihr zusammengelebt hat, Geburtstage und Weihnachten miteinander gefeiert hat, dann wirkt ihre Präsens noch lange nach. Wie ein Echo.

Vielleicht reden wir noch ab und zu mit ihr. Sehen sie noch manchmal vor uns. Auf jeden Fall denken wir noch viel an sie. Und auch wenn wir diese Person nicht mehr in den Arm nehmen oder mit ihr lachen können: Andrea Herwig* hat einen festen Platz in Ihren Herzen und in Ihren Köpfen - sie bleibt in Ihren schönen Erinnerungen und Erzählungen auch weiter lebendig.


Wo mag dieser Mensch, der uns am Herzen lag, den wir so viele Jahre und Jahrzehnte kannten, hingehen? Hoffen wir, es ist ein guter, friedlicher Ort. Ein Ort ohne Leiden, ohne Schmerzen – ein Ort ohne Sorgen und ein Ort, an dem man einfach ist.

Es ist ein Ort, zu dem wir keinen Zugang haben. Aber wir können zu der Person, die uns verlassen hat, eine Verbindung behalten, indem wir ihrer gedenken.

Ein Abschied bleibt ein Abschied. Er schmerzt, er macht uns das Herz eng, er raubt uns Energie. Der Abschied in seiner Endgültigkeit macht uns wütend, weil wir uns unsere Machtlosigkeit vor Augen führt.


Andrea Herwig war eine lebenslustige Frau. Aber ihr Leben zu genießen, das war ihr nur eine Zeitlang vergönnt. Sie war noch nicht mal 40, als sie einen Schlaganfall bekam, der sie in den folgenden Jahren stark einschränkte – nicht nur körperlich. Der so wichtige Lebensmut und die Zuversicht gingen ihr verloren. Sie hat durch weitere, schlimme Komplikationen in der Folge mehr leiden müssen, länger leiden und mehr Schmerz ertragen müssen, als es für ein Menschenleben zumutbar ist. Ihr Mann Markus* hat all die Jahre zu ihr gestanden, hat sie gepflegt, hat versucht, ihr Hoffnung zu geben - er musste Hoffnung für zwei haben, und kämpfen für zwei.


Wir wollen Andrea Herwig nicht vergessen und ihr Andenken bewahren. Man kann darüber uneins sein, ob Erinnerungen etwas sind, das man gewonnen hat oder ob sie für etwas stehen, das man verloren hat. Vermutlich hat man dazu je nach Tagesform eine unterschiedliche Meinung. Dietrich Bonhoeffer hat dazu etwas sehr Schönes gesagt:

„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel – sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“


...


*Auszug aus einer Abschiedsrede, die ich am 9. September 2020 in Berlin-Bohnsdorf halten durfte. Die Namen habe ich hier anonymisiert bzw. verändert.

25 Ansichten